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Elfriede Gerstl

Autorin des Dennoch in einer postsozialen Epoche
Blick voraus im Zorn

Wohnhaftigkeit ist ihr ein Rätsel. Elfriede Gerstl wohnt nicht in Wien, sie bewegt sich hier -
eine hartnäckig Anwesende des nicht
plakativen Feminismus für Andreas Okopenko, eine Virtuosin der
Bagatelle für Wendelin Schmidt-Dengler.

Andreas Okopenko


1. Wie H.C. Artmann sein frühes abenteuerliches, widerständliches Soldaten-Schicksal nie zum Thema seines Schreibens machte, schwieg sich auch Elfriede Gerstl über ihre Kindheit und frühe Jugend im Juden-Versteck aus. Bei beiden aber floß die Essenz aus diesem extremen Erleben umgewandelt in das literarische Schaffen ein, wie bei Artmann in phantastischen Abenteuerfabeln, Umspielungen des Todes und Darstellung der Freude am Justament-Leben, so bei Gerstl in Gesellschaftskritik, nicht den Blick zurück im Zorn auf Abrechnung mit der Vergangenheit gerichtet, sondern den Blick voraus im Zorn auf Sorge um unser aller Zukunft. Auch ausbrechende Lebensfreude des befreiten Teenagers und dessen bald enttäuschte Erwartungen spiegeln sich in Befassungen mit Mode, junger Musik, der City und dem ewigen Thema der Partnermisere.

2. Die Jahre ab unserer Bekanntschaft 1957 waren in der Wiener Literatenszene Jahre der Stagnation und Resignation, gegen die Leute wie Gerstl und ich leise und machtlos revoltierten. Andere hingen nur in den Cafés herum und zergähnten, zerblödelten die Abende. Von der später so genannten Wiener Gruppe, der einzigen Bewegung, wo sich etwas tat, allerdings nicht im erwarteten sozialrevolutionären Sinn, waren wir ideell getrennt. Auch Mayröcker, Jandl, die sprachexperimentelle Wege abseits der Wiener Gruppe gingen, imponierten uns zwar mit ihren Innovationen, befreiten uns aber nicht aus dem Alp. Walter Buchebner kämpfte sich durch seine Beatnik-Revolte im Alleingang zu Tode, Otto Laaber dichtete eigenbrötlerisch, bis ihm depressive Lethargie (faustisch gesprochen) "jede Lebensregung hemmte". Gerstl begleitete die beiden frühen Selbstmörder jener suizidbelasteten Zeit in einbekannter Hilfelosigkeit uneitler Freundschaft bis ans Ende und mit steten Gemahnungen an das Versäumnis über dieses Ende hinaus.

3. Später die Stopper-Reisen, Deutschland. Schnüffeln der Hoffnung auf eine nichtstalinistische, "Neue" Linke, die sich auch der Positivismus-satten Psychologin Gerstl mit marxistischer Versöhnungshand zur Psychoanalyse sympathisch machte. Berlin, nun auch mit den Halbgöttern: Zusammenhausen in der Elendsbude mit Artmann, Nähe des Oswald Wiener, dessen Kultroman Verbesserung von Mitteleuropa allerdings aus einiger Entfernung besser schmeckte als des Autors brutal selbstherrliche Gegenwart. Chotjewitz, Konrad Bayers Sechster Sinn, auf dem Altar Wittgensteins Tractatus. Als Geisteskind dieser Promiskuität und von Gerstls Eigensinn: ihr verheißender Roman Spielräume, dessen Durchbruch dann einer Personalrochade bei Rowohlt zum Opfer fiel.

4. Heute: in unserem postsozialen Zeitalter ein Dennoch. Gerstl als hartnäckig anwesende Frau des nicht plakativen Feminismus. Endlich Veröffentlichung der aufrührerischen Aufsätze. Nach all dem protestierenden Ausbrechen eine Landnahme Wiens, der Innenstadt, wieder wie einst zahllose Bekanntschaften in Lokalen, nun spleeniges und langsam stilisiertes Tandeln mit Kleidern und Modeschmuck der Alptraum-Jahrzehnte, aber all dies in längst zugespitzter Reflexion der Dialektik von gemütlicher Hergebrachtheit und dem Entsetzen unseres wienerischen und universellen Vulkantanzes.





Stürme im Wassertropfen


Wendelin Schmidt-Dengler

Es muß nicht immer ein Großstadtroman sein: Die kleine Prosa paßt am besten zur großen Stadt. In Berlin und Wien kommen die kurzen und filigranen Gebilde der Elfriede Gerstl am schnellsten voran; es ist immer Bewegung in den Texten, und alles ist irgendwie "Vor der Ankunft", auf der Reise, entstanden ("immer unterwegs gewesen - provisorien lärmig - ruhebedürfnis"), im Gehen, im Flanieren, im sicheren Schutz des Verkehrsmittels, und ich gestehe gerne:

Das Gedicht Elfriede Gerstls, das ich am liebsten habe, hat den schönen Titel natur - nein danke: "von zeit zu zeit seh ich sie gern / die vergifteten bäume / die befallenen wiesen / die verlauste landschaft / aus dem zugfenster meines abteils / (wo ich mich gerüstet fühle / mit tinkturen und / tabletten und anderer munition / gegen die bissigen bakterien) nein danke sage ich zu meinen freunden / den berg- und talsteigern / ich habe hier drinnen / schon genug natur."

Kein braves Gedicht, fürwahr. Schade, die Texte der Elfriede Gerstl wären so gut fürs Lesebuch, weil sie so kurz und einprägsam sind, aber da ist nichts, weder für die Unter- noch für die Oberstufe: "gib a ruah / und häng die auf / stör nicht meinen lebenslauf."

Blitzschnell sticht die epigrammatische Spitze zu, nie sententiös und behäbig, sondern immer leicht, wenngleich nicht durchwegs bekömmlich: Auch, was da als Wiener Mischung serviert wird, ist nicht versöhnlich: "I brauch kan Herzinfarkt / I brauch kan Tripper / I brauch nur eine Krankheit auf der Welt / und die bist du." Vielleicht eine Krankheit, die schlimmer als die beiden anderen ist, und der heurigenartige Tonfall läßt das Schlimmste befürchten. "Wien in Augenhöhe / Wind in Augenhöhe / Wind vom Stephansplatz / Staub vom Stephansplatz (Š) in Wien / im Wiener Wind / im windigen Wien."

Es ist ein "föhnwarmes Wien", in dem "ein alter Traum seinen Erben / als Germknödel am Herzen" liegt. Elfriede Gerstl hat sich auch nicht den Anti-Wien-Klischees ausgeliefert, aus ihren Texten läßt sich kein Reklamestrick drehen und keine sentimentale Übereinkunft gewinnen über das, was gut oder böse sein soll, vor allem kein System: Und das verstört die bemühten Interpreten, die alles in das großmäulig geöffnete Scheunentor des Sinnes einfahren wollen: "In meinem zusammengeschusterten sprachhäusl / steht und liegt mein vokabular / wie kraut und rüben / wie im tandelladen (Š) / oft findet man was man sucht / manchmal aber auch nicht." Kein Warenhaus preisgünstig verfügbarer Angebote, sondern schlicht ein Trödelladen; aus ihm kommen die Texte, die nicht nur etymologisch mit den von Gerstl intensiv, aber keinesfalls "planvoll, zwänglerisch" gesammelten Textilien zusammenhängen: "literatur und sammeln entspringt einem mangel / irgendeinem mangel trotzig die fülle entgegensetzen."

Kleiderflug. Texte - Textilien - Wohnen heißt ihr letztes Buch, in dem auch die Fotos von Herbert J. Wimmer den beau désordre des Wohnens vor Augen führen. "Kleiderflug" ist eine Metapher, in der Zeit, Kleidung und Bewegung im Schreiben zu einer untrennbaren Wortverbindung synthetisiert werden, und das führt weit über die bloße Zurschaustellung des bohemienhaften Ambientes hinaus: "sechs jahrzehnte zeigen sich in kleidern / sechs das hat einen schönen klang." Und das alles kann durch die Kleider, auch wenn es sich um die bitterste und gefährlichste Erfahrung handelt, herbeiassoziiert werden: "1942 packte mutter den kleinen fluchtkoffer / schwarze tuchmäntel aus den 30ern zurücklassend / wir werden nicht mehr soviel brauchen / sagt sie für mich merkwürdig rätselhaft."

Auch wenn sich die Autorin jedes Pathos schon durch die Form ihrer Texte verbittet, sollte diese Erfahrung bei der Lektüre mitgedacht werden. Sie ist nicht zuletzt verantwortlich für die Bewegung, in der sich das Subjekt stets befindet, und dem daher Seßhaftigkeit und "das weite feld des wohnens" zum Rätsel wird: "wohnen indem man staunt dass es so etwas gibt." Von diesem Staunen und nicht von Aggressivität oder von Emphase sind die Texte der Elfriede Gerstl grundiert; aber diesem Staunen ist doch auch die lebendige und verlebendigende Unzufriedenheit mit dem Bestehenden eingeschrieben, und zugleich geht "es in unaufdringlicher Weise um Selbstbehauptung" (Franz Schuh).

Vor allem behaupten sich die Texte in ihrer Eigenständigkeit: Freilich ist die Nähe zur Wiener Avantgarde der fünfziger Jahre evident, aber von Unterwerfung unter eine wie immer geartete ästhetische Doktrin keine Spur. "Jeder Gläubige reizt meinen Widerspruch", sagt sie, und das läßt doch die Vermutung zu, daß wir es mit ihren Büchern auch mit Zeugen einer dezenten und präzisen und in Österreich von Mal zu Mal verschleppten Aufklärung zu tun haben, ohne allerdings deren Geburtsfehler, dem von Gerstl so genannten "Didaktick", zum Opfer zu fallen:
Ihr Roman Spielräume harrt noch einer Analyse, die ihn durch präzise Beweisführung als einen der wenigen politischen Romane "in moderner, psychologischer, struktureller und sprachlicher Einsicht" erweist.

Das Buch firmiert als Roman. Seine Stärke aber liegt doch auch in der Herstellung kleiner Zellen, die für sich bestehen können. Und gerade die kleine Form imprägniert das Werk gegen nachahmenden Mißbrauch, hindert aber die Anpreisung auf dem Markt, auf dem das repräsentative Buch nach wie vor durch seinen Umfang ausgewiesen sein muß. Daß die Kleinkunst ihre rigiden Gesetze hat, erkannte Doderer bereits 1963, da er mit Bezug auf Gerstls erstes Buch Gesellschaftsspiele mit mir von einem "Nichts an Quantität" und doch von Stürmen "nicht im Wasserglas, sondern im Wassertropfen, an neue Küsten der Kleinwelt tragend", sprach.

Und zum Besten in der deutschsprachigen Prosa des letzten Jahrhunderts gehören jene Bagatellen von Altenberg und Kafka bis zu Konrad Bayer und Elfriede Gerstl, die wie Skylla und Charybdis die tiefsinnige Parabel und den saloppen Kalauer meiden. Je enger der Raum ist, umso virtuoser muß die Komposition sein. (Ein Beweis dafür: Anton Weberns Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 6.)


"In meinem zusammengeschusterten sprachhäusl / steht und liegt mein vokabular / wie kraut und rüben": Elfriede Gerstl.


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