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Ernst Jandl

Vom Sprachgebrauch und anderen Quellen der Kunst
Die Poesie ist ein konkreter Fall

Der Versuch einer Darstellung der Poetik Ernst Jandls, wie Franz Josef Czernin ihn vornimmt, erklärt noch nicht den Erfolg dieses Dichters. Und Karl Rihas Rückgriff auf den Weimarer Olympier ist allenfalls Ansatz. Das Phänomen Ernst Jandl hat
Dimensionen, die seine volle zeitgenössische
Erfassung schwermachen.

Franz Josef Czernin


Edgar Allen Poe hat in seinem, allerdings vielleicht ironischen, Essay The Philosophy of Composition zu zeigen versucht, daß das Kunstwerk und seine Schönheit das Resultat einer logischen Operation sei. Der Dichter wird bei ihm zu einer Art Logiker des Schönen. Poes Darstellung ist aber schon insofern fragwürdig, als sie eine bestimmte Form von Assoziation der Gedanken, die logische, zu dem Mittel, zu der Strategie des Dichters macht. Poes Rationalismus ist selbst eine poetische und zugleich romantische Figur, nämlich eine Metapher für die Bewußtheit des Dichters und damit auch eine Metapher für den Widerstand gegen die Vorstellung, das Dichten sei Ausdruck von Zuständen der Ekstase, der Eingebung oder des Irrationalen. Und es ist dieser Widerstand, der für die Geschichte der modernen Poesie so folgenreich geworden ist. Nicht nur für Baudelaire, der Poes Gedanken so begierig aufgenommen hat, sondern auch für die Moderne des 20. Jahrhunderts. Von Paul Valérys Gedanken und Gedichten bis zu den avantgardistischen Poesien und Poetiken der sechziger und siebziger Jahre läßt sich dieser Widerstand gegen den unbewußten, ekstatischen Dichter finden, gegen ein Bild des Dichtens, an dessen Anfang Platons Ausschluß der Dichter und der Dichtung aus dem Bereich des Rationalen und der Erkenntnis steht.

Ernst Jandls Dichtung nun hat an jenem modernen Widerstand teil. Allerdings wird für ihn nicht das Logische zur Generalmetapher jenes Widerstands und jener Bewußtheit; Bewußtheit bekommt bei Jandl das Vorzeichen der Nüchternheit, und die Nüchternheit seines Dichtens besteht auch darin, daß es gar keine Generalmetapher erlaubt. Will man überhaupt eine allgemeine Bezeichnung für die Haltung, die sich in Jandls Schreiben zeigt, dann ist wohl diejenige des Pragmatischen angemessen.

Jandls Pragmatismus besteht zunächst darin, daß er Sprache in einer ganzen Reihe von verschiedenartigen Formen vorfindet; die verschiedenartigen Formen der Sprache sind ihm Gegebenheiten, die nicht in einem System zusammengefaßt werden können. Diese Gegebenheiten können die Buchstaben oder die Laute, die Silben, die Wörter sein, aber auch die Formen der Alltagssprache oder auch bestimmte Muster des alltäglichen Sprachgebrauchs wie Witz, Anekdote, Bericht, Beschreibung usw; Jandl benützt Dialekte und Fremdsprachen (vor allem Englisch), Volkstümliches oder aus der hohen Literatur Stammendes, das Vorgefundene kann in traditionellem poetischem Vokabular bestehen, aber auch aus einer Sprachschicht, um die Gedichte normalerweise einen großen Bogen machen. (Man denke an Jandls berühmte Gedichte in einer Art heruntergekommenen Sprache, einem künstlichen Gastarbeiterdeutsch, aber auch an seinen Gebrauch von Schimpfwörtern und Obszönitäten.) Jandl gebraucht traditionelle literarische Formen wie bestimmte Vers- oder Strophen- oder Gedichtformen (zum Beispiel Lied, Ballade, Epigramm oder etwa, in jüngster Zeit, die Form der Stanze). Die Formen, die Jandl vorfindet, können aber auch durch bestimmte modernistische Traditionen vermittelt sein wie im Fall des Lautgedichts (schtzngrmm) oder der visuellen konkreten Poesie (etwa in dem Band Der künstliche Baum).

Was immer Jandl an Sprache vorfindet, Altes oder Neues, Hohes oder Tiefes, Alltägliches oder Ungewöhnliches, er nüchtert es zur Spielregel aus. Aber nicht aus Leichtsinn oder Oberflächlichkeit, sondern aus der Einsicht, daß die Aura bestimmter sprachlicher Formen, die so oft entweder mit dem Poetischen oder mit dem Unpoetischen selbst verwechselt wird, dieses Poetische oder dieses Unpoetische eigentlich ungemäß verallgemeinert und verewigt, während Poesie oder ihre Abwesenheit doch nur das Ergebnis des Gebrauchs von Sprache in einem einzelnen, im konkreten Fall sein kann.

Jandls Pragmatismus besteht aber nicht nur darin, daß er Formen der Sprache in hohem Maß als etwas Vorgefundenes und als Spielregeln betrachtet; pragmatisch kann auch Jandls Umgang mit sich selbst angesichts dieses Vorgefundenen bzw. jener Spielregeln genannt werden. Jandl untersucht und beobachtet, was dabei herauskommt, wenn er so und so mit vorliegender Sprache bzw. den Spielregeln umgeht. Er untersucht, wie diese Sprache unter dem Umstand seines Dichtens auf ihn wirkt, was sich dabei mit ihr machen läßt und was nicht. Er untersucht, wie dieses Vorgefundene und Geregelte für ihn als Gedicht funktioniert, und auch, wie er selbst unter den Umständen dieses Sprachgebrauchs funktioniert. Und dabei ist er so nüchtern und schonungslos, wie man nur sein kann. Da sitzt er keinen falschen Vorstellungen auf, da läßt er sich nichts vormachen; nichts durch angeblich wichtige, aktuelle Themen (keine Spur, glücklicherweise, von Zeitung in seiner Literatur), da läßt er sich nicht von den Irrtümern und Illusionen verführen, die mit der üblichen Kommunikation verbunden sind. Und es ist diese seine schonungslose Nüchternheit, die mit sich bringt, daß er das Vorgefundene und Geregelte so auf sich anwendet, wie wir alle es auf uns anwenden würden, wenn wir uns so klar wie er darüber wären, was es tatsächlich mit uns anstellt. Und so ist es auch diese schonungslose Nüchternheit, die aus dem ihm anscheinend Eigenen etwas Verallgemeinerbares, ja Allgemeines macht, also bedeutende Dichtung.




Ernst Jandl und
Johann Wolfgang Goethe
Der Klassik-Klassiker und unser Klassiker der Moderne


Karl Riha

Dies seien "Gedichte wie eh und je", hielt Helmut Heißenbüttel in seinem Nachwort zur Erstausgabe von Ernst Jandls Laut und Luise fest - und fügte hinzu: Wenn es denn je "Gedichte wie eh und je" gegeben habe. Das verblüffte damals - 1966 - und läßt auch heute noch stutzen, zielte diese Feststellung doch auf ein Buch, das der Autor selbst als seinen Aufbruch ins literarische Experiment ansah, also weit wegführend von den literarischen Traditionen der Klassik und Romantik, die sich im neunzehnten Jahrhundert verbraucht hatten und nur noch epigonal verwaltet werden konnten. Die Probe aufs Exempel gibt Heißenbüttel insofern recht, als sich Jandl durch alle moderne Poetik hindurch immer wieder den Traditionen der Literatur - also auch Goethe - verpflichtet hat, freilich in höchst überraschender Weise. Der Autor selbst notierte: "meine experimente nahmen züge der traditionellen lyrik auf, was durch die gleichzeitige konfrontation von bekannten mit ungekannten elementen stärkere reaktionen hervorrief, eine aggressive tendenz zu beginn verlor für mich in dem maß an bedeutung, als meine freude an der manipulation mit dem sprachmaterial und den daraus resultierenden entdeckungen wuchs." Gewohntes Gleichgewicht der Sprache in ein ungewohntes aufzulösen, bildet dabei einen eigenen Reiz, den Jandl nicht nur an Autoren der Moderne, sondern gerade auch der Klassik und Romantik bewährte.

Anlaß, sich mit Goethes "Egmont" zu beschäftigen, hatte Jandl, als er noch als Lehrer tätig war und - dem Lehrplan folgend - gehalten war, eben dieses Stück mit seinen Schülern durchzugehen: dabei erinnerte er sich als "unvergessenes kindheitserlebnis einer radioübertragung des edlen werkes" und öffnete sich den aktuellen experimentellen Zugang zu Goethes Text durch seine "hingabe an den genius einer gertrude stein". Das Resultat sind sprachartistische Modifikationen des Ausgangssatzes: "klärchen kommt mit einer lampe und einem glas wasser aus der kammer; sie setzt das glas auf den tisch und tritt ans fenster." Dabei werden zunächst alle r-Buchstaben durch l, dann alle Vokale und darauf auch alle Konsonanten durch e und g ersetzt, schließlich beliebige Buchstaben eliminiert, so daß nur schäbige Reste übrig bleiben: "klärch k i ir lap ud i las wassr aus dr kar; si / sz das las auf d isch ud ri as fsr".

Ähnlich verfährt Jandl in seinem Gedichtband die bearbeitung der mütze von 1978, indem er sich an den Gesängen des Harfenspielers in Goethes Wilhelm Meister festmacht und für "wer sich der einsamkeit ergibt, / ach! der ist bald allein" etc. die unterschiedlichsten Intonationen vorschlägt; so zum Beispiel - äußerst heftig ausgestoßen, mit darauf folgenden Atempausen - die Wiederholung aller ch-Laute im Text, so daß "ja! laß mich-ch meiner qual!" bzw. "ach-ch, wer ich-ch erst einmal im Grabe sein" ihre besondere Plausibilität erhalten; hinzu kommen: eine "nasal-velare deklamation", "das gleiche, mit labialer akzentuierng", eine "bilabiale version, stakkato" und eine "labio-dentale version". Es handelt sich um eine Anverwandlung Goethescher Texte dem "Sprechgedicht", wie Ernst Jandl seine zentrale poetische Erfindung benannt hat, die ihm einen festen Platz in der experimentellen Poesie der Gegenwart sichert. Ihr unterwirft er so auch Goethes wohl berühmtestes Gedicht, das unter dem Titel ein gleiches läuft:

ÜBE!
rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
A!
llllllllllllllllllllllllllllllllllllll
(eng)
iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii
ppp-
FEHL NIE
ssssst
rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
("uuuhii")

Seit den späten sechziger Jahren galt Jandls ganze Anstrengung dem Nachweis, daß sich "poetische Höhe und Tiefe" im Sinne der literarischen Tradition nur dort erhalten lassen, wo ihnen neue Energien aus noch unerschöpften Sprach- und Formreservoirs zugeführt werden - wo nicht, drohe ihnen epigonale Erstarrnis und Erschöpfung. Ganz in diesem Sinne setzt er in seinem ganz frisch publizierten Stanzen-Buch die Versuche um eine "heruntergekommene", d.h. defekte, grammatisch unentwickelte, dem Gastarbeiter-Deutsch verwandte Sprache fort, nun ins "heruntergekommene literarische Genre" gewandt, um zu zeigen, daß hier das einzige Terrain ist, auf dem Poesie sich noch einmal in ihrer ganzen Vielfalt darzustellen vermag.

Hier kann er es sich jetzt sogar leisten, sich mit allen großen Namen der Literaturgeschichte in direkte Parallele zu setzen, weil er weiß, daß es bei aller Ähnlichkeit in der angeschlagenen Thematik doch allein auf die formale Annäherung in der Sprache ankommt, die ganz seine eigene bleibt; und so setzt er sich denn auch mit seiner Erfahrung des Alterns, die er in den letzten Jahren immer häufiger aufgreift und in allen Formen des Verfalls durch Krankheit zum Tode hin unbarmherzig, bald ironisch distanziert, bald in aller Brutalität fixiert, zu Recht mit Johann Wolfgang Goethe - unserm Weimarer Klassiker - in eins und tritt zu ihm über die Zeiten hinweg, die inzwischen verstrichen sind, gar nicht parodistisch, sondern face en face als unser Jandl, Ernst - Wien, Klassikaner unseres zwanzigsten Jahrhunderts - gegenüber und signalisiert uns dies unter der direkt zitierenden und deshalb hier besonders zu apostrophierenden Überschrift Wanderers Nachtlied:

waasd i red hoed so gean
drum red i a so füü
skommt drauf aun, mit wem
oowa woat, boid bini schdüü.


Untertext:
"meine experimente nehmen oft züge der traditionellen lyrik auf, was durch die gleichzeitige Konfrontation von bekannten mit unbekannten elementen stärkere reaktionen hervorrief, eine aggressive tendenz zu beginn verlor für mich in dem maß an bedeutung, als meine freude an der manipulation mit dem sprachmaterial und den daraus resultierenden entdeckungen wuchs."


Ernst Jandl - im Einsatz für den Fortbestand des Gedichts, das in epigonale Erstarrnis und Erschöpfung fällt, werden ihm nicht laufend neue Energien aus noch unerschöpften Sprach- und Formreservoirs zugeführt.


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