Zurück zu Literaturlandschaft Österreich Übersicht


Gert Jonke

Dasein als pausenloses Auf- und Abgehen in einem Zimmer
Beginn einer Verzweiflung

Mit gestohlenem Geld hat sich Josef Winkler als Gymnasiast Gert Jonkes "Beginn einer Verzweiflung" gekauft.
Die Lektüre blieb ihm bis heute unvergeßlich.
Was für eine Herausforderung es darstellt, Jonkes Stücke zu inszenieren, erläutert Volkstheater-Direktorin Emmy Werner.

Josef Winkler


Beginn einer Verzweiflung von G.F. Jonke war mir damals als halbwüchsigem Bauernjungen in einer Villacher Buchhandlung sofort ins Auge gefallen, in dem G.F. Jonke auf der für mich bis heute unvergeßlichen letzten Seite schreibt, daß er oft stundenlang pausenlos in seinem Zimmer auf- und abgehe, ohne zu wissen, warum er stundenlang pausenlos in seinem Zimmer auf- und abgehe, und mir beim Lesen dieser letzten Seite von Beginn einer Verzweiflung sofort einfiel, daß ich, ein paar Jahre vorher, bevor mir dieses Buch in die Hände fiel, im großelterli-chen Zimmer, als meine dicke Großmutter mit offenem Mund laut schnarchend im Bett lag, pausenlos in meinem Zimmer auf- und abging, ohne zu wissen, warum ich im großelterlichen Zimmer pausenlos auf- und abging und erst in dem Moment mit meinem pausenlosen Auf- und Abgehen innehielt, als meine Großmutter aufwachte und mir mitteilte, von den durchdringenden Schreien des Totenvogels aufgeweckt worden zu sein und ich doch endlich mit meinem pausenlosen Auf- und Abgehen in diesem ihrem Zimmer aufhören solle und ich, einen Schritt aufs Fenster zugehend und auf einer der unzähligen, am Waldrand stehenden Fichten den Totenvogel suchend und mich, wieder umdrehend, weiter in ihrem Sterbezimmer pausenlos auf- und abging, bis mir, wiederum ein paar Jahre später, nachdem der Vater und der Leichenbestatter meine in eine Wolldecke eingehüllte Großmutter über die Stiege hinunter ins Aufbewahrungszimmer getragen hatten und ich nunmehr endlich in aller Ruhe in meinem Zimmer pausenlos auf- und abgehen konnte, ohne zu wissen und auch ohne mich ein einziges Mal zu fragen, warum ich in diesem meinem Zimmer und ehemaligen großelterlichen Sterbezimmer pausenlos auf- und abgehe, bis mir also in einer Villacher Buchhandlung ein Buch mit dem Titel Beginn einer Verzweiflung von G.F. Jonke in die Hände fiel und ich, mich ans großelterliche Sterbebett lehnend, nicht mehr, jedenfalls nicht mehr pausenlos auf- und abging, sondern Beginn einer Verzweiflung aufschlug und las, daß der Erzähler pausenlos in seinem Zimmer auf- und abgehe, ohne zu wissen, warum er stundenlang pausenlos in seinem Zimmer auf- und abgehe.

Am nächsten Morgen saß ich neben meinem ebenfalls lesenden, aber kein Wort sprechenden Freund, dem Lehrersohn, im Omnibus und las wieder in Beginn einer Verzweiflung, während hinter unserem Rücken die anderen nach Villach fahrenden Gymnasiasten Morgen für Morgen witzelten, lachten und kiebitzten und mir nichts anderes übrig blieb, als mich mit gesenktem Kopf in den Beginn einer Verzweiflung zu vertiefen, in dem der Erzähler G.F. Jonke berichtet, irgendwann doch plötzlich erkannt zu haben, daß sein ganzes Dasein nie etwas anderes gewesen sei, als ein einziges stundenlanges, pausenloses Auf- und Abgehen in diesem seinem Zimmer. Wiederum ein paar Jahre später - immer ein paar Jahre später - erfuhren wir, daß einer der damals hinter uns im Omnibus Morgen für Morgen sitzenden, lachenden, witzelnden und kiebitzenden Gymnasiasten sich in Salzburg das Leben genommen habe, nicht ohne vorher einer Freundin mitzuteilen, daß die einzige Beziehung, die er zu seinem Vater habe, der Dauerauftrag bei der Bank sei. Selbstverständlich habe ich mir Beginn einer Verzweiflung mit dem Geld gekauft, das ich von meinem Vater gestohlen hatte.




Jonke inszenieren
Extreme Sprachkunst als Herausforderung für die Bühne


Emmy Werner

Jonke inszenieren heißt einen Weltautor entdecken. Seine extreme Sprachkunst ist eine enorme Herausforderung für die Bühne. Brillant und hintergründig, aber ungewöhnlich für die Schauspieler, für das Publikum. Der Regisseur muß sie herauslocken. Niemand kann zuvor sagen, wie diese oder jene Textpassagen wirken werden. Sind sie komisch? Sicher! Aber nicht kabarettistiseh. Wenn man aufs Kabarettistische geht, verliert man sofort den Faden. Eher clownesk, denn das hat immer mit der Lächerlichkeit menschlichen Mißlingens zu tun. Die Texte schreien geradezu nach dieser oder jener Interpretation. Aber wehe, wenn man ihr nachgibt, das Gegenteil ist richtig. Die Texte behaupten eine surreale Situation mit einer eigenen bösartigen Logik der Wahrheitsfindung und der Selbstpreisgabe.

Zauberkomödien hat Benjamin Henrichs Jonkes Stücke genannt. Daß alle möglichen Wunder geschehen, sodaß keines mehr verwunderlich ist. Und daß das Theater für solche Wunder Maschinen brauche, der Schriftsteller nur eine Schreibmaschine. Hier gilt es zu ergänzen. Denn für Gert Jonkes Wunder braucht das Theater Schauspieler, die seine Wunder darstellen können. Nur wenn die Schauspieler Jonkes Aberwitz als einen ganz selbstverständlichen behaupten, hat er die ihm zukommende Wirkung aufs Publikum. Sie müssen mit dem Text springen. Sie müssen ihm in einem für sie ungewöhnlichen Maß vertrauen. Denn die Wirkung stellt sich nur aus der Distanz her. Die Arbeit des Regisseurs besteht unter anderem auch darin, jene Phantasien zu erzeugen, die diese Kluft überbrücken. Es gehört zu den Ritualen jeder Probenarbeit, daß Schauspieler die Unerlernbarkeit des Textes beklagen. Bei Jonkes Stücken allerdings erheben sich diese Klagen zu Arien der Verzweiflung. Das ist verständlich, wenn man Bandwurmkomposita und Partizipialkonstruktionen zu sprechen hat wie:

"Obwohl es nach den Gesetzen der Strömungslehre doch umgekehrt sein müßte, weil das Bier unterwegs in meinen Bauch nicht nur durch die naturgemäße Enge im Hals, sondern auch durch die Bewältigung des Reibungswiderstandes entlang der inneren Speiseröhrenwände aufgehalten erheblich Zeit verlieren müßte, so müßte das Bier, wenn es für den freien Ausfluß aus der Flasche durch die Luft in einem die Flußgeschwindigkeit begünstigenden Flaschenneigungswinkel von sagen wir minimal sechzig bis maximal siebzig Grad sieben Sekunden benötigt, für den Abfluß durch den Hals in den Bauch, wenn man für den auftretenden durchschnittlichen Reibungswiderstand der Flüssigkeit an der inneren Speiseröhrenwand im günstigsten Fall nur drei Sekunden dazuzählt, im besten Fall also mindestens zehn Sekunden benötigen!"

Und dann, sehr plötzlich nach der großen Krise, haben sie wie durch Osmose den Text von einem Tag auf den anderen intus. Als hätte der Autor magisch von ihren Sprechwerkzeugen Besitz ergriffen und säße soufflierend in ihren Köpfen. Ab da läuft's. Da kann es passieren, daß sie als kleine Jonke-Epigonen ganze Sequenzen der Virtuosentexte in ihre privaten Gespräche einfließen lassen. Jetzt sind sie mit dem Jonke-Bazillus infiziert. Jetzt sind sie imstande, auch das Publikum anzustecken. Und siehe: In mehrfach geglückten Aufführungen erweist sich Jonkes Sprachmusikalität ebenso als in hohem Maß bühnentauglich wie sein abgründig witziger Komödienernst das verzweifelte Possenspiel, das er mit einer an Wiederholungszwang gescheiterten, dennoch unersetzlichen Kunst treibt. Jonke ist natürlich nicht der einzige Theaterautor, dessen Thema die Sprache ist. Aber während andere Autoren Hinweise für einen theatralen Umgang mit ihrer Sprachkunst geben, bietet Jonke seine Sprachkunstwerke dem Theater lediglich zur freien Verfügung an. Voller Offenheit und voller Neugier, was nun mit ihnen geschehen wird. Sein Umgang mit dem Theater ist spielerisch experimentell, und er provoziert dieselbe spielerisch experimentelle Haltung vom Theater.

Das bedeutet aber nicht nur, daß der Autor keine Regeln aufstellt, keine Hinweistafeln und keine Verbotsschilder, sondern daß auch das Theater, seine Konventionen, Gesetze und Gewohnheiten außer Kraft gesetzt, von ihrer Autorität befreit sind. Jonke-Stücktexte zwingen den Regisseur, die Regisseurin zu einer fast unzumutbaren Freiheit. Und Freiheit richtig zu nützen, gehört zum Schwierigsten überhaupt - nicht nur am Theater.


Sein Umgang mit dem Theater ist spielerisch experimentell, und er fordert dem Theater dieselbe spielerisch experimentelle Haltung ab. Gert Jonke.


Literaturlandschaft Österreich