Die Spur der "Literatur-Landschaft Österreich" verliert sich im
Kanadischen. Nicht unsymbolisch. In vielen Beiträgen dieses Buches schon zitiert, taucht er, von Günter Brus vorgeschlagen, am Ende selbst auf: Oswald Wiener,
der Autor von
"die verbesserung von mitteleuropa, roman".
Günter Brus
Der Erdball, umhüllt von Zeitungspapier, ist brennbarer geworden. Schlagzeilen sind Zündschnüre und an Schlagworten entzündet sich der Geist.
So schreibt und vergeistigt sich die Meinung fort und fort, Adolf Loos habe "Ornament ist ein Verbrechen" ausgerufen. Thema seines Vortrages aber war "Ornament und Verbrechen".
Wenn in Wien oder anderswo von Oswald Wiener gesprochen wird, kommt meistens seine Verbesserung zur Sprache. Denkfleißige nehmen sich die Mühe, "die verbesserung von mitteleuropa" (manchmal auch "die verbesserung mitteleuropas") herzusagen. In der Tat, es fällt schwer, den Originaltitel die verbesserung von mitteleuropa, roman über die Lippen zu befördern.
Daß Wiener einen literarischen Gattungsbegriff Bestandteil seines Buchtitels machte, kann nicht als ein bloß schrulliger Einfall abgetan werden. (Zirka zwei Jahre später erschien Louis Aragons Henri Matisse, Roman.)
Durch seine "Doderer-Zertrümmerung" versuchte Wiener wohl auch klarzulegen, daß Musils Ulrich und Agathe in Pension gegangen waren Lang lang ist's her - und das Ende dieses Märchens lautet: "Da sie längst verstorben sind, leben sie noch heute."
Die Reißbrettathleten sind müde geworden, aber nimmermüde wird versucht, mit wortschwangeren Drehbüchern einen papierenen Beziehungskistenfilm zu produzieren. In der Konkurrenzwildnis spekuliert der Lockruf "Bestseller" auf Echo. Sein Stiefbruder ist das "Kultbuch", ein Fetisch, den man nicht in jedem Fall studiert haben muß. (Es reicht, wenn man die Erstausgabe besitzt und zu Oswald ungeniert "Ossi" sagt.)
Die Krise der Beschreibungsliteratur scheint überwunden zu sein.
Wiener, von mir einmal um einen Beitrag für die Zeitschrift Die Schastrommel gebeten, antwortete stirnrunzelnd: "Sag in Zukunft Ökonom zu mir." Ein solcher aber war er schon in der Vergangenheit, da er mit einem Schreibgerät ein Schreibgerät genauestens zu beschreiben versuchte.
Vor der Schreibkrise war die Denkkrise. Heute entledigt man sich dieser durch einen munteren Lauf eines Bächleins im Stausee - durch Strömungen.
Oswald Wieners die verbesserung von mitteleuropa, roman kann als eine schonungslose Massage überkommener Botschaften aufgefaßt werden. Durch seine hermetische Ästhetik ist dieses Buch wohl in der Nähe Webernscher Kompositionen angesiedelt.
Man hat es heute mit dem Erlebnis zu tun, daß Vicki Baum, vom ewig Weiblichen hinangezogen, mit einem batmanbeflügelten Goethe zusammenstößt - und beide rufen aus: "Uns trennen nicht mehr Welten!" Bei Wiener stehen O. Spanns Der wahre Staat und M. Spillanes My gun is quick nebeneinander im Verzeichnis der Schönen Dünste.
Es ist wichtig, weiter und weiter zu schreiben, denn "Die Erben des Medicus" müssen verarztet werden.
Sigrid Schmid-Bortenschlager
"die verbesserung von mitteleuropa, roman - das klingt wie ein Symposium-Titel der 90er Jahre, ist aber tatsächlich ein Buch aus den 60ern, das, wie wenig andere, die österreichische und damit auch die gesamte deutschsprachige Literaturszene beeinflußt hat. Die ersten Texte von Handke, Jelinek, aber auch von Frischmuth, Gerhard Roth, Helmut Eisendle, Scharang sind ohne Oswald Wieners "Roman" nicht denkbar. Die Veröffentlichung in acht Fortsetzungen in der Grazer Zeitschrift manuskripte (von Nr. 14/15, 1965 bis Nr. 22, 1968) markiert die allmähliche Anerkennung der experimentellen Wiener Gruppe, der Avantgarde der 50er Jahre, und stellt die Verbindung zu den die 70er Jahre dominierenden "Grazer" her, es markiert mit der mythischen Jahreszahl "1968" aber auch die spezifisch österreichische Form der Verbindung von literarischem Experiment und politischem Engagement.
1969 erschien der Band bei Rowohlt, 1985, mit der zunehmenden Erschöpfung des realistischen Schreibens, war eine zweite Auflage nötig. Es ist einfacher, festzustellen, was das Buch nicht ist, als es positiv zu beschreiben. Sicherlich ist es kein Roman im herkömmlichen Sinn: es gibt keine Helden, keine Handlung und folglich auch keinen Ort und keine Zeit der Handlung. Das Buch beginnt mit einem Personen- und Sachregister und einem Vorwort und endet mit 3 Appendizes und umfangreichen Literaturhinweisen - die Parodie der wissenschaftlichen Schreibweise ist offensichtlich. Dazwischen finden sich aperçuartige Bemerkungen zu einer Unzahl von Stichwörtern, aber auch schlichte persönliche Bemerkungen sowie ein Kompendium möglicher Schreibweisen, von der visuellen Poesie über das realistische Erzählen und die exakte Deskription bis zum wissenschaftlichen Essay.
Den losen Zusammenhalt dieser Bruchstücke bilden die Überlegungen über das Verhältnis von Sprache und Realität und von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Gewalt, Themen, deren philosophisches Gewicht durch den ständigen Rekurs auf Sexualität und Alltagsbanalitäten ironisch gebrochen wird.
Die Re-Lektüre nach 30 Jahren enthüllt "Historisches" und Aktuelles. Historisch sind inzwischen viele der in den 70er und 80er Jahren durchexerzierten Lebens- und Schreibformen ("exkurs über die linke romantik", "kernstücke zu einer experimentellen vergangenheit", "escapismus"): überraschend aktuell hingegen liest sich das Konzept des Bio-Adapters, in dem das Hirn unter Verzicht auf einen Körper direkt mit einem sensationserzeugenden Computer verbunden ist und damit die virtuellen Welten vorwegnimmt; das Verhältnis Sprache - Realität ist noch immer nicht konsequenter durchdacht worden, überraschend aktuell auch das Auftauchen einer explizit weiblichen Stimme im Text. Und all das eben sowohl ironisiert wie auch akzentuiert in der Autoreflexion, wie sie sich u.a. in der "kritik der ersten neunundvierzig seiten" ausdrückt: "der neunmalweise leser hat wenig schwierigkeiten zusammenhang zu erfinden. er tut dies auf eigene rechnung."
Und die Klage über die allzu geringe Wirkung von Literatur: "zu wenig - vielzuwenig entsetzen bei der lektüre." Wieners "Roman" allerdings hat diese Wirkung, wenn schon nicht beim breiten Lesepublikum, so doch bei der produktiven Rezeption durch seine jüngeren Schriftstellerkolleg(inn)en, durchaus gehabt.
"Sag in Zukunft Ökonom zu mir." Oswald Wiener.